Der Schweizer Pharmakonzern Sandoz baut seine Position im lukrativen Markt für Biosimilars aggressiv aus. Mit dem chinesischen Biotechnologieunternehmen Shanghai Henlius Biotech wurde eine weitreichende strategische Zusammenarbeit vereinbart, die zunächst drei Wirkstoffkandidaten umfasst und perspektivisch auf bis zu zehn Biosimilar-Produkte ausgeweitet werden kann.

Das Gesamtvolumen der Vereinbarung kann 322 Millionen US-Dollar erreichen. Bereits im laufenden Jahr könnten bei Henlius Zahlungen von bis zu 100,5 Millionen US-Dollar verbucht werden. Für Sandoz geht es dabei um weit mehr als einen einzelnen Lizenzdeal: Der Konzern versucht, sich frühzeitig einen Platz in einem Markt zu sichern, in dem bei zahlreichen biologischen Arzneimitteln der Patentschutz ausläuft.
Drei Wirkstoffkandidaten eröffnen neue Märkte
Im Zentrum der ersten Vereinbarung stehen Biosimilars zu drei bekannten biologischen Arzneimitteln. Sie zielen auf unterschiedliche und teils sehr große Therapiebereiche.
Das Paket umfasst Kandidaten zu:
- Cetuximab, bekannt unter anderem als Erbitux, zur Behandlung bestimmter Krebserkrankungen
- Evolocumab, vermarktet als Repatha, zur Behandlung erhöhter Cholesterinwerte und zur Verringerung kardiovaskulärer Risiken
- Belimumab, bekannt als Benlysta, zur Behandlung von Lupus
Die entsprechenden Originalpräparate erzielten 2025 zusammengenommen einen weltweiten Umsatz von rund 10,8 Milliarden US-Dollar. Allein Evolocumab kam dabei auf etwa 6,6 Milliarden Dollar, Belimumab auf 2,5 Milliarden Dollar und Cetuximab auf rund 1,7 Milliarden Dollar.
Damit ist die Größenordnung des Geschäfts klar: Sandoz sichert sich Zugang zu Wirkstoffen, hinter denen bereits etablierte und milliardenschwere Märkte stehen.
Sandoz erhält Rechte außerhalb Chinas
Die Rollen der beiden Unternehmen sind klar aufgeteilt. Henlius übernimmt die Entwicklung, Herstellung und Versorgung der geplanten Medikamente. Sandoz erhält die Rechte für Registrierung und Vermarktung außerhalb Chinas.
Für den Cetuximab-Kandidaten umfasst das exklusive Gebiet unter anderem die USA, Kanada, die Europäische Union, Großbritannien, die Schweiz, Japan, Australien und Neuseeland. Bei den geplanten Biosimilars zu Evolocumab und Belimumab erstrecken sich die exklusiven Rechte auf die weltweiten Märkte außerhalb Chinas.
Das verschafft Sandoz einen erheblichen internationalen Hebel. Der Konzern verfügt nach eigenen Angaben über ein Portfolio von rund 1.300 Arzneimitteln, ist in etwa 100 Ländern vertreten und erreicht weltweit mehr als eine Milliarde Patienten.
Die Medikamente sind noch nicht marktreif
Trotz der hohen Summen handelt es sich keineswegs um bereits fertige Produkte. Mehrere Kandidaten befinden sich noch in frühen Entwicklungsstadien.
Das bedeutet: Zwischen der heutigen Vereinbarung und einer möglichen Markteinführung liegen noch klinische Prüfungen, regulatorische Verfahren und weitere Entwicklungsschritte. Ein Teil der vereinbarten Zahlungen ist deshalb an bestimmte Meilensteine gekoppelt.
Für Sandoz ist das zugleich Chance und Risiko. Der Konzern kann sich frühzeitig Rechte an attraktiven Wirkstoffen sichern, trägt aber auch das Risiko, dass einzelne Entwicklungsprogramme nicht erfolgreich abgeschlossen werden.
Kooperation kann auf zehn Biosimilars wachsen
Besonders bemerkenswert ist die langfristige Dimension des Abkommens. Die Zusammenarbeit ist nicht auf die drei zunächst vereinbarten Wirkstoffe beschränkt.
Insgesamt kann die Kooperation bis zu zehn Biosimilar-Produkte beziehungsweise entsprechende Entwicklungsprogramme umfassen. Zusätzlich hat Sandoz eine Option auf rekombinante humane Hyaluronidase erhalten, ein Enzym, das unter anderem dabei helfen kann, die Aufnahme bestimmter injizierter Medikamente zu erleichtern.
Damit entsteht ein deutlich größeres Portfolio als zunächst auf den ersten Blick erkennbar.
Die Sandoz-Pipeline könnte durch die Vereinbarung von derzeit 39 auf bis zu 46 Wirkstoffkandidaten wachsen. Für den Konzern ist das ein wichtiger Schritt, um mögliche Lücken im zukünftigen Biosimilar-Markt frühzeitig zu besetzen.
Biosimilars werden für Pharmaindustrie immer wichtiger
Biosimilars sind biologische Arzneimittel, die einem bereits zugelassenen biologischen Referenzpräparat hochgradig ähnlich sind. Anders als bei klassischen Generika geht es dabei nicht einfach um eine chemisch identische Kopie. Biologische Wirkstoffe sind wesentlich komplexer aufgebaut und werden mithilfe lebender Zellsysteme hergestellt.
Gerade deshalb ist die Entwicklung anspruchsvoll und teuer. Gleichzeitig eröffnen Biosimilars nach Ablauf von Exklusivitäts- und Patentrechten die Möglichkeit, den Wettbewerb zu erhöhen und den Zugang zu wichtigen Therapien auszuweiten.
Für Sandoz ist genau dieser bevorstehende Marktumbruch von zentraler Bedeutung. Der Konzern will sich möglichst früh jene Produkte sichern, die nach dem Ende des Patentschutzes erhebliche Umsatzpotenziale bieten.
AstraZeneca kassiert dagegen einen herben Rückschlag
Während Sandoz seine Pipeline kräftig erweitert, erlebt der britische Pharmakonzern AstraZeneca einen empfindlichen Dämpfer. Eine wichtige klinische Phase-3-Studie mit dem Wirkstoff Volrustomig zur Behandlung einer bestimmten Form von Lungenkrebs wurde vorzeitig beendet.

Ein unabhängiges Kontrollgremium kam zu dem Schluss, dass die untersuchte Kombination aus Volrustomig und Chemotherapie die entscheidenden Ziele der Studie voraussichtlich nicht erreichen wird.
Im Mittelpunkt standen zwei zentrale Messgrößen:
- die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung
- das Gesamtüberleben der Patienten
Untersucht wurde metastasierter nicht-kleinzelliger Lungenkrebs. Das vorzeitige Ende der Studie ist deshalb besonders bitter, weil Phase-3-Programme bereits zu den fortgeschrittensten und teuersten Abschnitten der Arzneimittelentwicklung gehören.
AstraZeneca kämpft mit mehreren Pipeline-Problemen
Der Volrustomig-Rückschlag kommt für AstraZeneca nicht aus heiterem Himmel. Bereits zuvor hatte der Konzern mehrere Probleme bei wichtigen Medikamentenkandidaten zu verkraften.
So scheiterte das Herzmedikament Wainua in einer späten Studienphase. Beim Brustkrebswirkstoff Camizestrant verweigerten die US-Behörden die Zulassung, wobei das Studiendesign eine entscheidende Rolle spielte.
Auch Ultomiris erreichte bei einer Untersuchung gegen eine seltene Erkrankung die vorgesehenen Studienziele nicht.
Damit wächst der Druck auf die gesamte Medikamentenpipeline des Konzerns. Für Anleger ist das von erheblicher Bedeutung, denn neue Medikamente sind der entscheidende Treiber künftiger Umsätze, wenn ältere Produkte ihren Patentschutz verlieren.
Der Unterschied könnte kaum größer sein
Bei Sandoz sorgt der Henlius-Deal für einen kräftigen Ausbau der strategischen Pipeline. Bis zu zehn Biosimilars, ein mögliches Gesamtvolumen von 322 Millionen US-Dollar und Zugang zu Wirkstoffmärkten mit Milliardenumsätzen machen die Vereinbarung zu einem gewichtigen Schritt.
AstraZeneca muss dagegen erklären, warum mehrere Entwicklungsprogramme hinter den Erwartungen zurückbleiben. Besonders problematisch ist die Häufung von Rückschlägen in späteren Entwicklungsphasen, wenn bereits erhebliche Zeit und finanzielle Mittel in einen Wirkstoff geflossen sind.
Der Pharmamarkt zeigt damit innerhalb weniger Stunden zwei völlig unterschiedliche Seiten: Sandoz investiert offensiv in künftige Arzneimittelmärkte, während AstraZeneca mit Rückschlägen in seiner eigenen Pipeline kämpfen muss.

