Russlands Treibstoffkrise greift immer weiter um sich

Russlands Treibstoffkrise greift immer weiter um sich

Benzin und Diesel werden in immer mehr Regionen knapp

In Russland verschärft sich die Versorgungslage bei Benzin und Diesel spürbar. Mittlerweile haben 25 Regionen den Verkauf von Kraftstoff eingeschränkt. Betroffen sind längst nicht nur abgelegene Gebiete, sondern auch große urbane Zentren wie Moskau und St. Petersburg. Die Engpässe reichen von Zentralrussland über den Nordwesten bis nach Sibirien und in den Fernen Osten. Damit ist aus einem regionalen Problem eine landesweite Belastung geworden.

Genannt werden unter anderem die Oblaste Rjasan und Orjol, außerdem Pskow, Nowgorod, Karelien und Murmansk. Auch in Grenzregionen wie Kursk, Belgorod und Woronesch wird Kraftstoff knapp. Hinzu kommen weit entfernte Gebiete wie Krasnojarsk, Tomsk und Kamtschatka. Die Lage zeigt damit klar, dass sich der Mangel nicht auf einzelne Brennpunkte beschränkt, sondern quer durch das gesamte Land zieht.

Die Landwirtschaft warnt vor dramatischen Folgen

Besonders alarmierend ist die Lage für die russische Landwirtschaft. Ohne Diesel stehen Traktoren, Erntemaschinen und Transportfahrzeuge still. Entsprechend deutlich fallen die Warnungen inzwischen aus. ntv-Korrespondent Rainer Munz berichtete aus Moskau: „In Irkutsk in Sibirien hat ein Abgeordneter der Kremlpartei Einiges Russland gesagt, dass man die Landwirtschaft dichtmachen könne, wenn man nicht jetzt Diesel bekomme.“ Munz ergänzte: „Nicht nur in Sibirien, auch im Süden Russlands hat die Landwirtschaft Probleme.“

Damit wird deutlich, dass die Krise weit über Tankstellen und Autofahrer hinausreicht. Wenn Agrarbetriebe keinen Treibstoff mehr erhalten, ist nicht nur der Transport betroffen, sondern auch die Produktion selbst. Für ein riesiges Flächenland wie Russland ist das ein schweres Warnsignal, weil Dieselversorgung dort unmittelbare Auswirkungen auf Ernte, Versorgung und Logistik hat.

Ukrainische Angriffe treffen Russlands Öl-Infrastruktur empfindlich

Als Hauptursache für die Engpässe gelten die Angriffe der Ukraine auf zentrale Elemente der russischen Energieinfrastruktur. Seit Monaten werden Raffinerien, Öldepots, Treibstofflager und Terminals angegriffen. Laut einem Bericht wurden allein im Mai acht der zehn größten Raffinerien Russlands beschädigt. Einige Anlagen sollen sogar mehrfach getroffen worden sein.

Die Folgen sind erheblich. Beschädigte Raffinerien mussten ihre Produktion oder Auslieferung teilweise oder vollständig einstellen. Je nach Schwere der Schäden dauern die Reparaturen unterschiedlich lange. Dadurch fällt ein erheblicher Teil der Verarbeitungskapazität aus. Nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten Igor Lipsiz ist die Lage außergewöhnlich ernst. Laut Munz sagt er, „ein Drittel von dem, was Russland produzieren und raffinieren kann, ist weg“. Zudem spreche er von der „schlimmsten Treibstoffkrise in Russland seit 21 Jahren“.

Rationierungen treffen Millionen Menschen

Die Krise hat inzwischen ein Ausmaß erreicht, das sich direkt im Alltag vieler Menschen zeigt. Schätzungen zufolge sind ein Drittel bis die Hälfte der russischen Bevölkerung von Rationierungen betroffen. In vielen Regionen darf nicht mehr frei getankt werden, sondern nur noch in begrenzten Mengen.

Besonders deutlich wird das am Beispiel der Tankstellenkette Tatneft, der fünftgrößten Tankstellenkette Russlands. Das Unternehmen bestätigte, dass an seinen 800 Tankstellen vorerst nur noch 30 Liter Benzin oder 60 Liter Diesel pro Kunde verkauft werden. Wie lange diese Obergrenzen gelten, ist unklar.

Berichte aus Städten wie Samara, rund 1000 Kilometer südöstlich von Moskau, zeigen zudem, dass es an vielen Stationen bereits tagelang kein Benzin mehr gibt. Ähnliche Probleme werden aus Kasan und Nischni Nowgorod gemeldet. Auch wenn das Thema in staatlichen Medien kaum vorkommt, lässt sich die Lage an den Zapfsäulen nicht mehr kaschieren.

Auf der Krim ist die Lage noch chaotischer

Besonders drastisch zeigt sich die Krise auf der annektierten Krim. Dort schränkten die russischen Besatzungsbehörden den Benzinverkauf bereits Ende Mai ein. Anfangs kam es an den Tankstellen zu hektischen Szenen. Wer früh genug eintraf und über ausreichend Geld verfügte, versuchte so viel Treibstoff wie möglich zu kaufen. Teilweise waren die Vorräte bereits nach einer Stunde aufgebraucht.

Später führten die Behörden ein Coupon- oder Voucher-System ein. Ohne Coupon kein Kraftstoff, und selbst mit Coupon waren nur 20 Liter erlaubt. Doch auch dieses Modell scheiterte rasch. Bereits am 4. Juni wurde mitgeteilt, dass bis auf Weiteres keine neuen Coupons mehr ausgegeben oder verkauft würden.

In Sewastopol versuchte man eine digitale Variante. Autofahrer sollten im staatlichen Messenger Max einen QR-Code erzeugen, der zum sofortigen Kauf von Benzin oder Diesel berechtigte. Doch selbst dieses System brachte keine Entspannung. Die tägliche Benzinquote war offenbar innerhalb von Sekunden vergriffen. Nach Berichten fahren manche Krim-Bewohner inzwischen 300 Kilometer weit bis nach Krasnodar, nur um überhaupt noch Kraftstoff zu bekommen.

Auch der Tourismus leidet bereits spürbar

Die Folgen der Krise treffen inzwischen nicht nur Transport und Landwirtschaft, sondern auch den Tourismus. Die Krim gilt im Sommer traditionell als beliebtes Urlaubsziel russischer Reisender. Doch ohne gesicherte Kraftstoffversorgung verliert selbst diese Ferienregion deutlich an Attraktivität.

Branchenexperten rechnen deshalb damit, dass in diesem Jahr drei bis vier Millionen Touristen wegbleiben könnten. Berichtet wird von zahlreichen Stornierungen und rückläufigen Buchungszahlen. Als Grund wird ausdrücklich auch die unsichere Verfügbarkeit von Treibstoff genannt. Damit trifft die Krise Russland ausgerechnet zu Beginn einer wichtigen Reisesaison.

Moskau spricht von Wartung, nicht von Kriegsschäden

Offiziell versucht die russische Führung, die Lage anders darzustellen. Anfang Juni erklärte der für Energie zuständige stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg, die geringere Ölförderung sei auf „außerplanmäßige Wartung“ mehrerer Raffinerien zurückzuführen. Ukrainische Angriffe nannte er nicht als Ursache.

Gleichzeitig wurde jedoch im russischen Energieministerium ein neuer Krisenstab eingerichtet, der die Versorgung stabilisieren soll. Schon dieser Schritt zeigt, wie ernst die Lage tatsächlich sein muss. Denn wenn es sich lediglich um normale Wartungsarbeiten handeln würde, wäre ein solcher zusätzlicher Krisenapparat kaum nötig.

Der zweite Sommer mit Engpässen beginnt noch früher

Bereits jetzt ist erkennbar, dass die Ukraine Russland den zweiten Sommer in Folge in eine Benzin- und Dieselknappheit drängt. Im vergangenen Jahr trafen die Probleme das Land vor allem im August, also mitten in der Hochsaison. Diesmal setzen die Engpässe deutlich früher ein. Das macht die Lage für Moskau umso problematischer, weil die Sommermonate für Landwirtschaft, Reiseverkehr und Versorgung besonders sensibel sind.

Die wichtigsten Fakten verdeutlichen das Ausmaß:

  • 25 Regionen haben den Kraftstoffverkauf eingeschränkt
  • im Mai wurden 8 der 10 größten Raffinerien beschädigt
  • Tatneft rationiert an 800 Tankstellen
  • auf der Krim waren zeitweise nur 20 Liter pro Coupon erlaubt
  • der Tourismussektor erwartet 3 bis 4 Millionen ausbleibende Urlauber

Die Krise zeigt damit nicht nur die Verwundbarkeit der russischen Ölversorgung, sondern auch, wie stark ukrainische Angriffe inzwischen bis in den russischen Alltag hineinwirken. Was lange wie ein militärisches Randthema erschien, ist längst zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problem geworden, das sich immer schwieriger verbergen lässt.

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