Nach FCAS ringt Berlin um den nächsten Kampfjetkurs

Nach FCAS ringt Berlin um den nächsten Kampfjetkurs

Das Scheitern des Großprojekts reißt eine gefährliche Lücke auf

Mit dem Ende des deutsch-französisch-spanischen Kampfjetprojekts FCAS steht die Bundesregierung vor einem sicherheitspolitischen Scherbenhaufen. Nach neun Jahren Planung, Verhandlungen und politischen Bekenntnissen ist eines der ehrgeizigsten europäischen Rüstungsprojekte gescheitert. Für Berlin ist das nicht nur eine peinliche Niederlage, sondern ein strategisches Problem. Denn die Frage lautet nun nicht mehr, wie Europas künftiger Kampfjet gemeinsam gebaut wird, sondern womit Deutschland die entstehende Fähigkeitslücke überhaupt schließen will.

Gerade deshalb ist die Lage so brisant. Es geht um weit mehr als um ein neues Flugzeug. Es geht um:

  • die künftige Schlagkraft der Luftwaffe
  • die Rolle der deutschen Rüstungsindustrie
  • Europas Anspruch auf militärische Eigenständigkeit
  • die wachsende Abhängigkeit von den USA

Die Bundesregierung muss nach dem FCAS-Kollaps nun unter Zeitdruck entscheiden, welcher Weg überhaupt noch realistisch ist.

Pistorius prüft mehrere Wege aus der Sackgasse

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat bereits deutlich gemacht, dass sein Ministerium mehrere Optionen prüft. Das allein zeigt schon, wie offen und zugleich hektisch die Lage geworden ist. Ein fertiger Plan liegt nicht auf dem Tisch. Stattdessen tastet sich Berlin nun durch verschiedene Szenarien, von denen jedes eigene politische, militärische und industrielle Risiken mit sich bringt.

Pistorius nannte ausdrücklich mehrere Möglichkeiten:

  • ein neuer europäischer Kampfjet unter deutscher Führung
  • der Einstieg in ein bereits laufendes internationales Projekt
  • der Kauf weiterer F-35-Jets aus den USA
  • womöglich noch eine weitere Variante, über die er öffentlich noch nicht sprechen will

Schon diese Aufzählung macht klar: Nach dem Ende von FCAS beginnt keine geordnete Anschlusslösung, sondern ein harter Suchprozess.

Die deutsche Industrie drängt auf einen Neustart mit Airbus an der Spitze

Eine der auffälligsten Varianten kommt direkt aus der deutschen Industrie. Ein Bündnis aus acht Unternehmen um Airbus Defence and Space wirbt aktiv dafür, einen neuen europäischen Kampfjet unter deutscher Führung zu entwickeln. Dieses Bündnis nennt sich Team Gen 6 und hat bereits ein Positionspapier beim Verteidigungsministerium eingereicht.

Zu diesem Industriekonsortium gehören:

  • Airbus Defence and Space
  • Autoflug
  • Diehl Defence
  • Hensoldt
  • Liebherr
  • MBDA
  • MTU Aero Engines
  • Rohde und Schwarz

Das Projekt trägt den Namen Next Generation Weapon System, kurz NGWS. Für die deutsche Industrie wäre das die ideale Antwort auf das FCAS-Aus. Deutschland könnte selbst den Takt vorgeben, Schlüsseltechnologien im Land halten und die Führung in einem neuen Luftkampfsystem beanspruchen.

Pistorius zeigte sich dafür offen und sagte: „Das ist denkbar und ist eine der Möglichkeiten.“ Das klingt zurückhaltend, ist politisch aber durchaus bedeutend. Denn der Minister schließt einen solchen deutschen Neuansatz ausdrücklich nicht aus.

GCAP wäre die schnellere, aber politisch heiklere Alternative

Die zweite große Option wäre der Beitritt zu einem bereits laufenden Programm, nämlich zum britisch-italienisch-japanischen GCAP, dem Global Combat Air Programme. Dieses Projekt soll bis 2035 einen Kampfjet der nächsten Generation liefern und ist damit zeitlich bereits weiter aufgestellt als jeder deutsche Neustart.

Beteiligt sind dort:

  • BAE Systems aus Großbritannien
  • Leonardo aus Italien
  • ein von Mitsubishi Heavy Industries unterstütztes japanisches Konsortium

Für Berlin hätte ein Einstieg klare Vorteile. Deutschland müsste nicht wieder ganz am Anfang beginnen, könnte auf bestehende Strukturen aufspringen und Entwicklungskosten teilen. Genau das macht GCAP attraktiv.

Auch aus Italien kommen deutliche Einladungen. Leonardo-Chef Lorenzo Mariani erklärte, Deutschland wäre „ein besonders wertvoller Partner“. Er verwies auf das industrielle Know-how, das Deutschland in ein solches Projekt einbringen könnte. Schon im vergangenen Jahr hatte Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto klargemacht, dass weitere Partner willkommen seien, um die Last der Entwicklungskosten zu verteilen.

Doch politisch wäre dieser Schritt heikel. Deutschland würde sich in ein fremdes Projekt einklinken, nicht selbst führen. Das wäre schneller, aber weniger souverän.

Die Luftwaffe schaut auffällig deutlich Richtung F-35

Während Industrie und Politik noch über europäische Lösungen sprechen, wirkt die Haltung der Luftwaffe deutlich nüchterner. Dort scheint die Sympathie für zusätzliche F-35-Jets aus den USA spürbar. Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, sprach offen über die Lücke, die sich abzeichnet.

Sein Hinweis ist militärisch brisant: Zwischen der Auslieferung der letzten Eurofighter im Jahr 2035 und der Verfügbarkeit eines künftigen europäischen Kampfflugzeugs drohe eine Phase, die überbrückt werden müsse. Für Neumann ist klar, welche Fähigkeiten moderne Kampfflugzeuge zwingend mitbringen müssen:

  • Tarnkappenfähigkeit
  • enge Zusammenarbeit mit unbemannten Systemen
  • hohe Überlebensfähigkeit im modernen Luftkrieg

Nach seiner Einschätzung erfüllt derzeit vor allem die F-35 diese Anforderungen. Ohne solche Fähigkeiten stoße die Luftwaffe an „operationelle Grenzen“. Diese Aussage ist bemerkenswert deutlich. Sie zeigt, dass die militärische Führung weniger von industriepolitischen Wunschbildern ausgeht als von dem, was heute tatsächlich verfügbar ist.

Das Scheitern von FCAS war kein Unfall, sondern ein jahrelanger Konflikt

Dass FCAS zerbrochen ist, kam nicht aus dem Nichts. Hinter dem Ende des Projekts stehen tiefe Gegensätze, die über Jahre gewachsen sind. Besonders schwer wogen die unterschiedlichen militärischen Anforderungen.

Frankreich wollte ein Kampfflugzeug, das:

  • auf Flugzeugträgern landen kann
  • Atomwaffen tragen kann
  • stärker an französischen globalen Einsatzprofilen ausgerichtet ist

Deutschland brauchte dagegen vor allem ein schnelles, modernes Jagdflugzeug für die eigenen operationellen Bedürfnisse der Luftwaffe. Hinzu kam ein zermürbender Führungsstreit zwischen Dassault und Airbus. Am Ende zerbrach das Projekt also nicht nur an Technik, sondern auch an Machtfragen, Eitelkeiten und nationalen Interessen.

Europas Anspruch auf Eigenständigkeit bekommt einen harten Dämpfer

Die politische Reaktion auf das FCAS-Aus fiel entsprechend scharf aus. Pistorius selbst sprach offen über seine Enttäuschung. Noch drastischer äußerte sich Belgiens Premierminister Bart De Wever. Er nannte das Ende des Projekts eine „komplette Dummheit“. Dann legte er nach: „Was für eine Zeitverschwendung! Was für eine Arroganz!“

Diese Wortwahl trifft den Kern des Problems. FCAS sollte beweisen, dass Europa in einem entscheidenden Feld der Luftverteidigung selbst handlungsfähig ist. Stattdessen steht nun der gegenteilige Eindruck im Raum. De Wever sagte, die Europäer hätten sich dafür entschieden, in einem entscheidenden Teil der Luftverteidigung irrelevant zu werden, nicht nur heute, sondern auch in zehn Jahren.

Das ist die eigentliche Sprengkraft dieses Scheiterns. Wenn Europa bei einem zentralen Luftkampfsystem nicht zusammenfindet, bleiben am Ende nur drei Wege:

  • nationale Alleingänge
  • der Einstieg in fremdgeführte Programme
  • der Rückgriff auf amerikanische Systeme

Jetzt beginnt der eigentliche Machtkampf um Deutschlands Luftverteidigung

Die Bundesregierung steht nun vor einer Grundsatzentscheidung, die jede Option teuer macht.

Ein deutscher Neustart mit Team Gen 6 würde bedeuten:

  • mehr nationale Kontrolle
  • mehr industrielle Führung
  • aber auch hohe Kosten und hohes Entwicklungsrisiko

Ein Einstieg in GCAP würde bedeuten:

  • schnellerer Zugang zu einem laufenden Programm
  • geteilte Kosten
  • aber weniger deutsche Kontrolle

Mehr F-35 würden bedeuten:

  • rasch verfügbare militärische Fähigkeit
  • modernste Technik
  • aber noch mehr Abhängigkeit von den USA

Nach dem FCAS-Debakel muss Berlin also nicht nur einen neuen Kampfjet finden. Es muss entscheiden, welchem strategischen Modell es künftig folgen will. Genau deshalb wird die nächste Phase weit mehr als eine Beschaffungsfrage. Sie wird zum Richtungsstreit über Deutschlands Rolle in Europas Luftverteidigung.

administrator

Verwandte Artikel