Putins alte Partner wenden sich immer offener ab

Putins alte Partner wenden sich immer offener ab

Armenien, Moldau und Kasachstan lösen sich aus Moskaus Schatten

Russlands Macht im postsowjetischen Raum bröckelt sichtbar. Staaten, die jahrzehntelang als verlässliche Partner, Schutzbefohlene oder still abhängige Nachbarn Moskaus galten, gehen zunehmend auf Abstand. Das geschieht nicht immer mit großen Gesten, aber mit klaren Entscheidungen. Armenien, Moldau und Kasachstan zeigen besonders deutlich, dass der Krieg gegen die Ukraine nicht nur Russland selbst belastet, sondern auch seine Stellung im ehemaligen sowjetischen Einflussraum aushöhlt.

Was früher Furcht, Gewohnheit oder strategische Notwendigkeit war, wird nun Stück für Stück durch Misstrauen ersetzt. Der Kreml wirkt in den Augen vieler früherer Verbündeter nicht mehr wie ein Garant für Ordnung, sondern wie ein Machtzentrum, das eigene Interessen verfolgt, Zusagen nicht einhält und seine Rolle als Schutzmacht eingebüßt hat. Genau daraus entsteht nun eine stille, aber tiefgreifende Absetzbewegung.

Armenien erlebt sein böses Erwachen

Besonders schmerzhaft verlief dieser Prozess in Armenien. Das kleine Land im Südkaukasus galt über Jahrzehnte als einer der treuesten Partner Russlands. Militärisch war Eriwan stark von Moskau abhängig, wirtschaftlich eng verflochten und sicherheitspolitisch in die von Russland dominierte OVKS eingebunden.

Doch dieses Verhältnis bekam tiefe Risse. Bereits mit dem Amtsantritt von Nikol Paschinjan begann sich Armenien vorsichtig nach Westen zu öffnen. Der eigentliche Bruch kam jedoch mit Bergkarabach. Als Aserbaidschan im Jahr 2020 unter den Augen russischer Friedenstruppen die von Armeniern bewohnte Region zurückeroberte, blieb Moskau untätig. Im russischen Staatsfernsehen wurde der Krieg nur als „Zwischenfall an der Grenze“ abgetan.

Noch gravierender wurde der Schock drei Jahre später. Aserbaidschan nahm auch die restlichen armenisch kontrollierten Gebiete ein. Rund 100.000 Armenier wurden vertrieben. Wieder griff Russland nicht ein. Für viele Armenier, auch für moskaufreundliche Kreise, war das ein politisches Erweckungserlebnis. Die angebliche Schutzmacht erwies sich im Ernstfall als leere Hülle.

Eriwan zeigt Moskau offen die Zähne

Die neue Härte Armeniens zeigt sich inzwischen nicht nur in langfristigen Entscheidungen, sondern auch im politischen Stil. Vor den Wahlen setzte die Regierung Paschinjans ein deutliches Zeichen Richtung Moskau. Wegen Berichten über möglichen Stimmenkauf drohte sie aus Russland einreisenden Armeniern mit Einberufung zu Reserveübungen. Das Verteidigungsministerium stellte dafür sogar Militärpolizisten am Flughafen von Jerewan ab.

Diese Maßnahme war mehr als Wahlkampfkulisse. Sie war eine offene Warnung an alle, die glaubten, Armenien lasse sich weiter wie ein abhängiger Randstaat behandeln. Zuvor hatte Wladimir Putin Armenien mit einem Ukraine-Szenario gedroht, zugleich wurden armenische Exporte nach Russland eingeschränkt. Der Ton war scharf, die Reaktion aus Jerewan ebenfalls. So deutlich war das Verhältnis zwischen beiden Seiten seit Jahrzehnten nicht mehr beschädigt.

Der Bruch mit Russland wird auch militärisch sichtbar

Die Distanzierung Armeniens lässt sich inzwischen sogar in harten Rüstungszahlen messen. Zwischen 2011 und 2020 bezog Armenien noch 94 Prozent seiner Militärtechnik aus Russland. Im Jahr 2024 lag der Anteil Moskaus nur noch bei rund 10 Prozent.

Die politischen Schritte dazu folgten rasch:

  • Im Februar 2024 erklärte Paschinjan, die OVKS ruhe in Bezug auf Armenien
  • Armenien fror seine Teilnahme an dem Bündnis ein
  • im Wahlkampf warb Paschinjan offen für eine stärkere Annäherung an Europa

Dafür verlangt er dem Land allerdings bittere Zugeständnisse ab:

  • der Anspruch auf Bergkarabach wird faktisch aufgegeben
  • ein Frieden mit Aserbaidschan und der Türkei wird höher gewichtet
  • durch armenisches Gebiet soll künftig eine Handelsroute von Aserbaidschan in die Türkei verlaufen

Paschinjan verkaufte diesen Kurs als Befreiung aus einer jahrzehntealten „Falle“. Die Wähler folgten ihm offenbar. Seine Partei Zivilvertrag erreichte laut Wahlkommission 49,8 Prozent, der prorussische Block Starkes Armenien nur 23,3 Prozent.

Moldau zieht den Schlussstrich viel offener

Während Armenien noch ringt und austariert, hat Moldau den Bruch mit der alten postsowjetischen Ordnung deutlich offensiver vollzogen. Am 2. April 2026 beschloss das Parlament in Chișinău mit 60 von 101 Stimmen den endgültigen Austritt aus der GUS.

Allein die Wortwahl aus Moldau zeigt, wie endgültig diese Abkehr gemeint ist. Parlamentspräsident Igor Grosu hatte den Austritt bereits 2023 mit drastischen Worten angekündigt: „Wir alle wollen aus diesem Leichnam heraus, aus dieser Totheit.“ Diese Formulierung ist politisch vernichtend. Sie macht klar, dass Moldau die GUS nicht mehr als Raum gemeinsamer Zukunft betrachtet, sondern als totes Relikt russischer Vorherrschaft.

Präsidentin Maja Sandu orientiert das Land seit Jahren Richtung Brüssel und pflegt enge Kontakte zur Ukraine. Langfristig soll Moldau zusammen mit der Ukraine der EU beitreten. Damit ist klar: Chișinău will nicht nur etwas Abstand zu Russland, sondern einen strategischen Kurswechsel.

Selbst Transnistrien verliert als russisches Druckmittel an Wirkung

Lange galt Transnistrien als das klassische Faustpfand des Kremls gegen Moldau. Die russischsprachige Region konnte jederzeit als Hebel gegen Chișinău eingesetzt werden. Doch selbst dieses Mittel stumpft inzwischen ab.

Russland wollte im Zuge seines Kriegs gegen die Ukraine ursprünglich offenbar eine Landverbindung bis nach Tiraspol schaffen. Nach dem Scheitern dieser Strategie steht Transnistrien nun eher vor einer möglichen Rückanbindung an Moldau als vor einer weiteren Verfestigung seiner Abspaltung. Auch die Ukraine hat ein Interesse daran, diesen russischen Einflussrest endgültig zu beseitigen.

Damit verliert Moskau in Moldau nicht nur politischen Einfluss, sondern auch sein jahrzehntelang wirksamstes Druckinstrument.

Kasachstan geht vorsichtiger, aber ebenfalls auf Distanz

Auch in Kasachstan hat sich der Ton verändert. Das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens ist formal weiter OVKS-Mitglied und teilt mit Russland eine mehr als 7.000 Kilometer lange Grenze. Hinzu kommt eine große russische Minderheit. Gerade deshalb fällt jeder Schritt der Distanzierung dort besonders ins Gewicht.

Präsident Kassym-Schomart Tokajew verfolgt seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine einen bemerkenswert eigenständigen Kurs. Zu den Signalen gehören:

  • die Absage der Militärparade am 9. Mai
  • die Weigerung, russisch besetzte ukrainische Gebiete anzuerkennen
  • die engere Zusammenarbeit mit der Türkei und anderen Regionalpartnern
  • der Versuch, neue Transportwege für Öl und Gas über das Kaspische Meer nach Europa aufzubauen

Das ist für Russland heikel. Bislang leitete Moskau auch kasachisches Öl weiter nach Europa, unter anderem zur Raffinerie in Schwedt. Wegen der wachsenden Spannungen drehte Russland Astana jedoch zuletzt sogar den Hahn zu. Genau dadurch steigt in Kasachstan der Wille, sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen.

Die Turkstaaten setzen nicht mehr auf Moskau

Besonders aufschlussreich ist eine Entwicklung in der Organisation der Turkstaaten. Laut einem Bericht ukrainischer Geheimdienste kamen Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, die Türkei und Usbekistan zu dem Schluss: „Moskau ist kein Garant für Stabilität mehr.“

Diese Aussage ist politisch von enormem Gewicht. Denn sie zeigt, dass die Distanzierung von Russland nicht mehr nur aus einzelnen Staaten heraus wächst, sondern auch regionale Bündnislogiken verändert. Wenn frühere Partner beginnen, sich „ausschließlich auf ihre eigenen Fähigkeiten zu stützen“, dann verliert Moskau nicht nur Einfluss, sondern seine Rolle als ordnendes Zentrum.

Russland verliert leise seinen Hinterhof

Armenien, Moldau und Kasachstan zeigen auf unterschiedliche Weise dasselbe Muster:

  • Russland wirkt militärisch überdehnt
  • politische Zusagen verlieren an Glaubwürdigkeit
  • frühere Partner suchen neue Bündnisse und neue Handelswege
  • regionale Akteure organisieren sich zunehmend ohne Moskau

Gerade das macht diese Entwicklung für den Kreml so gefährlich. Sie verläuft nicht in Form spektakulärer Aufstände gegen Russland, sondern als schleichende Entleerung seines Einflussraums. Und genau solche Prozesse sind oft schwerer rückgängig zu machen als offene Konflikte.

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