Die Vereinigten Staaten treiben den Wiederaufbau ihrer Atomindustrie mit gewaltigem finanziellem Einsatz voran. Das US-Energieministerium plant Kredite im Gesamtwert von 17,5 Milliarden US-Dollar. Das Geld soll den Bau von zehn kommerziellen Großreaktoren beschleunigen und eine angeschlagene heimische Lieferkette wiederbeleben.
Gefördert werden zunächst fünf Projekte, die jeweils zwei Reaktoren umfassen. Die Regierung verspricht sich davon nicht nur zusätzliche Stromkapazitäten. Sie will den USA auch verlorene industrielle Fähigkeiten zurückgeben und die Bauzeit neuer Kernkraftwerke um bis zu drei Jahre verkürzen.
Milliarden gegen jahrelange Verzögerungen
Das Programm trägt den Namen American Nuclear Supply Chain Loans. Verantwortlich ist das Office of Energy Dominance Financing, das dem Energieministerium untersteht.
Die Kredite sollen vor allem den frühzeitigen Kauf von Bauteilen ermöglichen, die besonders lange Produktionszeiten haben. Dazu gehören unter anderem Reaktorkomponenten, Turbinen, Pumpen, Sicherheitssysteme und technische Spezialausrüstung.
Gerade solche Elemente können zu folgenschweren Engpässen führen. Werden sie verspätet bestellt oder geliefert, geraten ganze Bauvorhaben ins Stocken. Bei milliardenschweren Atomprojekten können daraus jahrelange Verzögerungen und drastisch steigende Kosten entstehen.
Durch eine gebündelte Bestellung für mehrere Kraftwerke will die Regierung:
- Herstellungskosten wichtiger Komponenten senken
- Lieferketten langfristig absichern
- Produktionskapazitäten in den USA aufbauen
- Bauzeiten um bis zu drei Jahre verkürzen
- zehn neue Großreaktoren schneller ans Netz bringen
Washington fordert eine nukleare Renaissance
Das Vorhaben knüpft an eine Anordnung von Präsident Donald Trump an. Die amerikanische Regierung will die Kernenergie wieder zu einer tragenden Säule der nationalen Industrie- und Energiepolitik machen.

US-Energieminister Chris Wright erklärte: „Vor etwas mehr als einem Jahr wies Präsident Trump das Energieministerium und seine Partnerbehörden an, die nächste amerikanische Renaissance der Kernenergie zu entfesseln.“
Nach seiner Darstellung sind die staatlich unterstützten Kredite entscheidend, um große Reaktorprojekte überhaupt wieder in größerer Zahl realisieren zu können. Wright sagte: „Um diesen Auftrag zu erfüllen, werden diese bedingten Darlehen eine wichtige Rolle bei der Wiederbelebung der Lieferkette spielen, die Amerika benötigt, um erneut kommerzielle Großreaktoren bauen zu können.“
Die Botschaft ist deutlich: Die USA wollen nicht länger hinnehmen, dass fehlende Hersteller, begrenzte Kapazitäten und lange Lieferzeiten den Ausbau der Kernkraft ausbremsen.
Westinghouse wird zum Schlüsselkonzern
Im Zentrum der Offensive steht der Reaktorhersteller Westinghouse. Das Unternehmen liefert mit dem AP1000 die einzige in den USA zugelassene fortgeschrittene Technologie für kommerzielle Großreaktoren dieser Leistungsklasse.
Der AP1000 ist ein Druckwasserreaktor mit einer elektrischen Leistung von 1,1 Gigawatt. Seine Konstruktion setzt auf standardisierte Bauelemente und passive Sicherheitssysteme. Diese sollen auch ohne dauerhaft aktive Pumpen und externe Energieversorgung bestimmte Sicherheitsfunktionen gewährleisten.
Westinghouse soll mit den ausgewählten Projektpartnern langfristig benötigte Komponenten zu vorher festgelegten Preisen beschaffen. Gleichzeitig erhält der Konzern eine Mitbeteiligung an jedem Vorhaben.
Fünf Milliarden US-Dollar Eigenkapital nötig
Die staatlichen Kredite werden nicht ohne erhebliche Vorleistungen ausgezahlt. Für jedes der fünf Projekte müssen Westinghouse und der jeweilige Partner zunächst jeweils 500 Millionen US-Dollar Eigenkapital vollständig zusagen.
Damit sind pro Standort insgesamt eine Milliarde US-Dollar erforderlich, bevor Mittel aus dem Kreditprogramm abgerufen werden können. Über alle fünf Projekte hinweg müssen die beteiligten Unternehmen somit fünf Milliarden US-Dollar eigenes Kapital bereitstellen.
Die Beschaffung soll schrittweise beginnen. Der genaue Zeitpunkt hängt davon ab, wann die Eigenkapitalzusagen vorliegen und wie weit die jeweiligen Projekte entwickelt sind.
Westinghouse hat bereits Absichtserklärungen mit sieben potenziellen Partnern geschlossen. Für jedes dieser Vorhaben sollen konkrete Standorte feststehen. Da zunächst nur fünf Projekte finanziert werden, dürften nicht alle Interessenten unmittelbar zum Zuge kommen.
Elf Gigawatt für Millionen Haushalte
Jeder geplante Reaktor soll 1,1 Gigawatt Strom erzeugen. Die zehn Anlagen würden zusammen eine Leistung von elf Gigawatt erreichen.
Nach Angaben des Energieministeriums könnte diese Kapazität ausreichen, um fast zehn Millionen amerikanische Haushalte mit Elektrizität zu versorgen. Anders als Wind- und Solaranlagen können Kernkraftwerke unabhängig von Wetter und Tageszeit kontinuierlich Energie liefern.
Die Regierung betrachtet die Technologie deshalb als verlässliche Grundlage für einen stark steigenden Strombedarf. Besonders Rechenzentren, künstliche Intelligenz, neue Industrieanlagen und die zunehmende Elektrifizierung könnten den Energieverbrauch in den kommenden Jahren massiv erhöhen.
Atomprogramm erreicht gigantische Dimensionen
Die Kreditzusage über 17,5 Milliarden US-Dollar steht nicht allein. Bereits rund acht Monate zuvor hatte Westinghouse mit dem amerikanischen Handelsministerium eine Vereinbarung über 80 Milliarden US-Dollar geschlossen. Diese betrifft den geplanten Bau von acht AP1000-Kraftwerken.
Zusammengenommen verdeutlichen die beiden Vorhaben, welche Größenordnung die amerikanische Atomoffensive inzwischen erreicht. Es geht nicht um einzelne Pilotanlagen, sondern um den Aufbau einer ganzen Kraftwerksserie samt industrieller Infrastruktur.
Weltweit sind derzeit sechs AP1000-Reaktoren in Betrieb. Weitere 14 Reaktoren befinden sich im Bau. Für zusätzliche fünf Anlagen bestehen bereits vertragliche Vereinbarungen.
Cameco rechnet mit enormem Geschäft
Westinghouse gehört dem kanadischen Uranproduzenten Cameco und Brookfield Renewable Partners. Beide Eigentümer könnten erheblich vom amerikanischen Ausbauprogramm profitieren.

Cameco-Vorstandschef Tim Gitzel erklärte: „Wir freuen uns, dass die US-Regierung eine weitere Verpflichtung zum Ausbau der Kernenergiekapazitäten unter Einsatz der bewährten AP1000-Reaktortechnologie eingeht.“
Mit Blick auf die Regierungsmaßnahmen sagte er: „Wenn sie mit den Präsidialverfügungen vom 23. Mai 2025 und weiteren Initiativen der US-Regierung kombiniert werden, entstehen unserer Ansicht nach die richtigen Anreize für eine schnelle Einführung von AP1000-Reaktoren in den USA.“
Gitzel erwartet bedeutende Wachstumschancen für Westinghouse und Cameco. Davon könnten sowohl die Beschaffungsphase als auch der spätere Bau der Kraftwerke profitieren.
An der Börse reagierten Anleger umgehend. Die Cameco-Aktie stieg trotz eines schwächeren Gesamtmarktes um rund zwei Prozent. Seit Jahresbeginn liegt das Papier mehr als zehn Prozent im Plus. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens aus Saskatchewan beträgt etwa 47,7 Milliarden US-Dollar.

