Wirtschaftsweise zeichnen ein düsteres Bild

Wirtschaftsweise zeichnen ein düsteres Bild

Deutschland droht zwischen Flaute und Kostenlawine zu geraten

Das neue Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsweisen ist für Deutschland ein Warnschuss mit voller Wucht. Der Sachverständigenrat erwartet für das laufende Jahr nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent. Noch im Herbst hatten die Ökonomen 0,9 Prozent prognostiziert. Damit ist aus der ohnehin schwachen Aussicht auf Erholung ein beinahe kraftloses Dahinsiechen geworden.

Besonders alarmierend ist, dass sich die Probleme nicht auf die Konjunktur beschränken. Parallel dazu warnen die Wirtschaftsweisen vor einer sozialen und finanziellen Überlastung des Landes. Ohne tiefgreifende Reformen könnten die Sozialversicherungsbeiträge bis 2040 auf fast 50 Prozent steigen. Das wäre für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und den gesamten Standort eine enorme Belastung. Deutschland droht damit in eine Situation zu geraten, in der das Wachstum kaum noch sichtbar ist, die Abgaben aber immer weiter steigen.

Der Iran-Krieg würgt den Aufschwung ab

Die Experten benennen den wichtigsten Belastungsfaktor klar: den Iran-Krieg und seine Folgen für die Energiepreise. Durch die massive Störung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus sind die Preise für Öl und Gas deutlich gestiegen. Das trifft die deutsche Wirtschaft in einer Phase, in der sie ohnehin schwach ist.

Die Wirtschaftsweisen schreiben ausdrücklich, dass die Abwärtsrevision „vor allem auf die Auswirkungen des Iran-Kriegs zurückzuführen“ sei. Genau diese Formulierung zeigt, wie stark der Konflikt inzwischen in die deutsche Konjunktur hineinwirkt. Höhere Energiepreise treffen Industrie, Mittelstand und private Haushalte zugleich. Unternehmen kämpfen mit steigenden Produktionskosten, Verbraucher mit sinkender Kaufkraft, und der private Konsum wird zusätzlich gedämpft.

Auch 2027 gibt es keinen echten Befreiungsschlag

Für das Jahr 2027 erwarten die Wirtschaftsweisen nur ein Wachstum von 0,8 Prozent. Das ist zwar etwas mehr als im laufenden Jahr, aber immer noch weit entfernt von einem kraftvollen Aufschwung. Getragen werden soll dieses Plus vor allem von staatlichen Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur.

Doch auch diese Hoffnung ist mit Unsicherheit behaftet. Zwar haben Bundestag und Bundesrat ein schuldenfinanziertes Sondervermögen beschlossen. Kritiker weisen jedoch seit Längerem darauf hin, dass die Mittel aus diesem Topf zu langsam fließen und teils genutzt werden, um Lücken im Bundeshaushalt zu stopfen. Damit steht auch hinter dem Wachstum für 2027 ein Fragezeichen.

Das Risikoszenario ist noch düsterer

Besonders unerquicklich ist der Blick in das Risikoszenario, das der Sachverständigenrat zusätzlich berechnet hat. Darin wird angenommen, dass der Rohölpreis im Mai auf 120 US-Dollar je Barrel steigt, bis Oktober auf diesem Niveau bleibt und erst im zweiten Quartal 2027 wieder unter 100 Dollar sinkt.

In diesem Fall würde die deutsche Wirtschaft 2026 nur noch um 0,2 Prozent wachsen und 2027 lediglich um 0,5 Prozent. Das wäre fast wirtschaftlicher Stillstand. Gleichzeitig würde die Inflationsrate im Risikoszenario auf 3,5 Prozent im Jahr 2026 und 3,2 Prozent im Jahr 2027 klettern. Das wäre eine gefährliche Mischung aus Minimalwachstum und anhaltender Teuerung.

Die Inflation bleibt unangenehm hoch

Auch im Basisszenario rechnen die Wirtschaftsweisen nicht mit echter Entspannung bei den Preisen. Für 2026 erwarten sie eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,0 Prozent, für 2027 einen Wert von 2,8 Prozent. Bereits im April hatte das Statistische Bundesamt für Deutschland 2,9 Prozent gemeldet, den höchsten Stand seit Januar 2024.

Das bedeutet: Die deutsche Wirtschaft wächst kaum, gleichzeitig bleiben die Preise hoch. Für private Haushalte ist das eine doppelte Belastung. Wer mehr für Energie, Lebensmittel und Alltagskosten zahlen muss, hat weniger Spielraum für Konsum. Genau dieser schwache Konsum wiederum bremst die Konjunktur weiter aus.

Die eigentliche Explosion droht bei den Sozialabgaben

Noch brisanter als die Wachstumsprognose ist allerdings die Warnung vor den Sozialversicherungen. Der Sachverständigenrat rechnet bei Fortschreibung der aktuellen Rechtslage mit einem Anstieg des Gesamtsozialversicherungsbeitragssatzes von 42,3 Prozent im Jahr 2026 auf 45,4 Prozent im Jahr 2030 und schließlich auf 49,7 Prozent bis 2040.

Fast die Hälfte der beitragspflichtigen Einkommen würde dann allein durch Sozialbeiträge aufgezehrt. Das ist nicht nur eine abstrakte Zahl, sondern eine massive Last für den Arbeitsmarkt und für Millionen Beschäftigte.

Die heutige Zusammensetzung lautet:

  • Rentenversicherung: 18,6 Prozent
  • Pflegeversicherung: 3,6 bis 3,7 Prozent
  • Arbeitslosenversicherung: 2,6 Prozent
  • Krankenversicherung: 14,6 Prozent
  • durchschnittlicher Zusatzbeitrag: 2,9 Prozent

Nach den Berechnungen des Rats steigen diese Sätze fast durchgängig weiter. Die Rentenversicherung könnte von 18,6 auf 21,8 Prozent steigen. Die Pflegeversicherung könnte von 3,7 auf 5,2 Prozent klettern.

„Jenseits von Gut und Böse“

Wie gravierend diese Perspektive ist, zeigt die Reaktion des Außenhandelsverbands BGA. Dort hieß es, die Entwicklung sei „jenseits von Gut und Böse“. Diese Formulierung ist drastisch, aber sie trifft die Dimension der Warnung. Denn wenn Arbeit immer teurer wird und die Nettoentlastung immer kleiner, gerät ein Wirtschaftsstandort tief in die Defensive.

Der BGA erklärte, die Wirtschaftsweisen bestätigten nur, was Unternehmen und Beschäftigte längst spürten: Die strukturelle Krise breite sich aus. Das Wachstum bleibe mager, während die Belastungen für Unternehmen und Beschäftigte immer weiter zunähmen. Genau darin liegt der Kern des Problems.

Die Wirtschaftsweisen fordern tiefere Einschnitte

Der Sachverständigenrat bleibt nicht bei der Warnung stehen. Er macht auch konkrete Vorschläge, die für viele Bürger spürbare Folgen hätten. Besonders im Fokus stehen Krankenversicherung, Pflege, Rente und zusätzliche Steuerbelastungen.

Im Gesundheitsbereich schlagen die Wirtschaftsweisen unter anderem vor:

  • weniger stationäre Behandlungen
  • mehr ambulante Versorgung
  • strengere Preisregeln für Medikamente
  • weniger Fehlanreize bei Kliniken
  • höhere Eigenanteile für Versicherte

Diskutiert werden zudem höhere Zuzahlungen. Genannt werden ein Anstieg der Mindestzuzahlung von 5 auf 7,50 Euro und eine Erhöhung der maximalen Zuzahlung auf 15 Euro. Auch Zuschüsse, etwa beim Zahnersatz, könnten sinken.

Familienversicherung und Pflege geraten unter Beschuss

Besonders sensibel ist der Vorschlag zur beitragsfreien Familienversicherung. Künftig sollen nur noch Ehepartner ohne eigenen Beitrag mitversichert bleiben, wenn sie Kinder erziehen. Andere müssten einen eigenen Krankenkassenbeitrag zahlen. Als Orientierung nennen die Wirtschaftsweisen rund 220 Euro monatlich.

Auch bei der Pflegeversicherung fallen die Vorschläge hart aus. Pflegebedürftige sollen stärker eigenes Einkommen und Vermögen einsetzen. Zudem schlagen die Experten vor:

  • Pflegeleistungen strenger zu vergeben
  • Pflegegrade schwerer erreichbar zu machen
  • Zusatzleistungen zu streichen
  • den Entlastungsbetrag abzuschaffen
  • Zuschläge für stationäre Pflegeheime zu streichen

Gerade diese Punkte treffen viele Menschen unmittelbar. Schon heute gelten Pflegekosten für viele Familien als kaum tragbar. Weitere Belastungen würden das Problem verschärfen.

Länger arbeiten, mehr zahlen, stärker verzichten

Auch bei der Rente deuten die Wirtschaftsweisen klar in Richtung längerer Lebensarbeitszeit. Sie sprechen von Reformen, die das Arbeitsvolumen erhöhen sollen. Dahinter stehen Vorschläge wie:

  • längere Erwerbsphasen
  • spätere Renteneintritte
  • weniger Minijobs
  • Abschaffung des Ehegattensplittings

Hinzu kommen Forderungen nach höheren Steuern oder Mindestpreisen auf Tabak, Alkohol und stark zuckerhaltige Lebensmittel. Auch Einschränkungen bei Werbung für ungesunde Produkte und verbindliche Ernährungsstandards in Kitas und Schulen werden empfohlen.

Die Richtung ist klar: mehr Eigenverantwortung, mehr private Vorsorge, höhere Zuzahlungen, spätere Rente und zusätzliche Belastungen im Alltag.

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