{"id":10937,"date":"2026-06-10T09:26:54","date_gmt":"2026-06-10T13:26:54","guid":{"rendered":"https:\/\/aktiengurus.com\/?p=10937"},"modified":"2026-06-10T09:26:55","modified_gmt":"2026-06-10T13:26:55","slug":"nach-fcas-ringt-berlin-um-den-naechsten-kampfjetkurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktiengurus.com\/?p=10937","title":{"rendered":"Nach FCAS ringt Berlin um den n\u00e4chsten Kampfjetkurs"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Scheitern des Gro\u00dfprojekts rei\u00dft eine gef\u00e4hrliche L\u00fccke auf<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Ende des deutsch-franz\u00f6sisch-spanischen Kampfjetprojekts <strong>FCAS<\/strong> steht die Bundesregierung vor einem sicherheitspolitischen Scherbenhaufen. Nach <strong>neun Jahren<\/strong> Planung, Verhandlungen und politischen Bekenntnissen ist eines der ehrgeizigsten europ\u00e4ischen R\u00fcstungsprojekte gescheitert. F\u00fcr Berlin ist das nicht nur eine peinliche Niederlage, sondern ein strategisches Problem. Denn die Frage lautet nun nicht mehr, wie Europas k\u00fcnftiger Kampfjet gemeinsam gebaut wird, sondern womit Deutschland die entstehende F\u00e4higkeitsl\u00fccke \u00fcberhaupt schlie\u00dfen will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb ist die Lage so brisant. Es geht um weit mehr als um ein neues Flugzeug. Es geht um:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die k\u00fcnftige Schlagkraft der <strong>Luftwaffe<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li>die Rolle der deutschen R\u00fcstungsindustrie<\/li>\n\n\n\n<li>Europas Anspruch auf milit\u00e4rische Eigenst\u00e4ndigkeit<\/li>\n\n\n\n<li>die wachsende Abh\u00e4ngigkeit von den <strong>USA<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bundesregierung muss nach dem FCAS-Kollaps nun unter Zeitdruck entscheiden, welcher Weg \u00fcberhaupt noch realistisch ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Pistorius pr\u00fcft mehrere Wege aus der Sackgasse<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verteidigungsminister <strong>Boris Pistorius<\/strong> hat bereits deutlich gemacht, dass sein Ministerium mehrere Optionen pr\u00fcft. Das allein zeigt schon, wie offen und zugleich hektisch die Lage geworden ist. Ein fertiger Plan liegt nicht auf dem Tisch. Stattdessen tastet sich Berlin nun durch verschiedene Szenarien, von denen jedes eigene politische, milit\u00e4rische und industrielle Risiken mit sich bringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pistorius nannte ausdr\u00fccklich mehrere M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>ein neuer europ\u00e4ischer Kampfjet unter deutscher F\u00fchrung<\/li>\n\n\n\n<li>der Einstieg in ein bereits laufendes internationales Projekt<\/li>\n\n\n\n<li>der Kauf weiterer <strong>F-35<\/strong>-Jets aus den USA<\/li>\n\n\n\n<li>wom\u00f6glich noch eine weitere Variante, \u00fcber die er \u00f6ffentlich noch nicht sprechen will<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon diese Aufz\u00e4hlung macht klar: Nach dem Ende von FCAS beginnt keine geordnete Anschlussl\u00f6sung, sondern ein harter Suchprozess.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die deutsche Industrie dr\u00e4ngt auf einen Neustart mit Airbus an der Spitze<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der auff\u00e4lligsten Varianten kommt direkt aus der deutschen Industrie. Ein B\u00fcndnis aus <strong>acht Unternehmen<\/strong> um <strong>Airbus Defence and Space<\/strong> wirbt aktiv daf\u00fcr, einen neuen europ\u00e4ischen Kampfjet unter deutscher F\u00fchrung zu entwickeln. Dieses B\u00fcndnis nennt sich <strong>Team Gen 6<\/strong> und hat bereits ein Positionspapier beim Verteidigungsministerium eingereicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu diesem Industriekonsortium geh\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Airbus Defence and Space<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Autoflug<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Diehl Defence<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Hensoldt<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Liebherr<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>MBDA<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>MTU Aero Engines<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Rohde und Schwarz<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Projekt tr\u00e4gt den Namen <strong>Next Generation Weapon System<\/strong>, kurz <strong>NGWS<\/strong>. F\u00fcr die deutsche Industrie w\u00e4re das die ideale Antwort auf das FCAS-Aus. Deutschland k\u00f6nnte selbst den Takt vorgeben, Schl\u00fcsseltechnologien im Land halten und die F\u00fchrung in einem neuen Luftkampfsystem beanspruchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pistorius zeigte sich daf\u00fcr offen und sagte: <strong>\u201eDas ist denkbar und ist eine der M\u00f6glichkeiten.\u201c<\/strong> Das klingt zur\u00fcckhaltend, ist politisch aber durchaus bedeutend. Denn der Minister schlie\u00dft einen solchen deutschen Neuansatz ausdr\u00fccklich nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>GCAP w\u00e4re die schnellere, aber politisch heiklere Alternative<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite gro\u00dfe Option w\u00e4re der Beitritt zu einem bereits laufenden Programm, n\u00e4mlich zum britisch-italienisch-japanischen <strong>GCAP<\/strong>, dem <strong>Global Combat Air Programme<\/strong>. Dieses Projekt soll bis <strong>2035<\/strong> einen Kampfjet der n\u00e4chsten Generation liefern und ist damit zeitlich bereits weiter aufgestellt als jeder deutsche Neustart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beteiligt sind dort:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>BAE Systems<\/strong> aus Gro\u00dfbritannien<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Leonardo<\/strong> aus Italien<\/li>\n\n\n\n<li>ein von <strong>Mitsubishi Heavy Industries<\/strong> unterst\u00fctztes japanisches Konsortium<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Berlin h\u00e4tte ein Einstieg klare Vorteile. Deutschland m\u00fcsste nicht wieder ganz am Anfang beginnen, k\u00f6nnte auf bestehende Strukturen aufspringen und Entwicklungskosten teilen. Genau das macht GCAP attraktiv.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch aus Italien kommen deutliche Einladungen. <strong>Leonardo-Chef Lorenzo Mariani<\/strong> erkl\u00e4rte, Deutschland w\u00e4re <strong>\u201eein besonders wertvoller Partner\u201c<\/strong>. Er verwies auf das industrielle Know-how, das Deutschland in ein solches Projekt einbringen k\u00f6nnte. Schon im vergangenen Jahr hatte Italiens Verteidigungsminister <strong>Guido Crosetto<\/strong> klargemacht, dass weitere Partner willkommen seien, um die Last der Entwicklungskosten zu verteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch politisch w\u00e4re dieser Schritt heikel. Deutschland w\u00fcrde sich in ein fremdes Projekt einklinken, nicht selbst f\u00fchren. Das w\u00e4re schneller, aber weniger souver\u00e4n.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Luftwaffe schaut auff\u00e4llig deutlich Richtung F-35<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Industrie und Politik noch \u00fcber europ\u00e4ische L\u00f6sungen sprechen, wirkt die Haltung der Luftwaffe deutlich n\u00fcchterner. Dort scheint die Sympathie f\u00fcr zus\u00e4tzliche <strong>F-35<\/strong>-Jets aus den <strong>USA<\/strong> sp\u00fcrbar. Der Inspekteur der Luftwaffe, <strong>Generalleutnant Holger Neumann<\/strong>, sprach offen \u00fcber die L\u00fccke, die sich abzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Hinweis ist milit\u00e4risch brisant: Zwischen der Auslieferung der letzten <strong>Eurofighter<\/strong> im Jahr <strong>2035<\/strong> und der Verf\u00fcgbarkeit eines k\u00fcnftigen europ\u00e4ischen Kampfflugzeugs drohe eine Phase, die \u00fcberbr\u00fcckt werden m\u00fcsse. F\u00fcr Neumann ist klar, welche F\u00e4higkeiten moderne Kampfflugzeuge zwingend mitbringen m\u00fcssen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Tarnkappenf\u00e4higkeit<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li>enge Zusammenarbeit mit <strong>unbemannten Systemen<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li>hohe \u00dcberlebensf\u00e4higkeit im modernen Luftkrieg<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach seiner Einsch\u00e4tzung erf\u00fcllt derzeit vor allem die <strong>F-35<\/strong> diese Anforderungen. Ohne solche F\u00e4higkeiten sto\u00dfe die Luftwaffe an <strong>\u201eoperationelle Grenzen\u201c<\/strong>. Diese Aussage ist bemerkenswert deutlich. Sie zeigt, dass die milit\u00e4rische F\u00fchrung weniger von industriepolitischen Wunschbildern ausgeht als von dem, was heute tats\u00e4chlich verf\u00fcgbar ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Scheitern von FCAS war kein Unfall, sondern ein jahrelanger Konflikt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass FCAS zerbrochen ist, kam nicht aus dem Nichts. Hinter dem Ende des Projekts stehen tiefe Gegens\u00e4tze, die \u00fcber Jahre gewachsen sind. Besonders schwer wogen die unterschiedlichen milit\u00e4rischen Anforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frankreich wollte ein Kampfflugzeug, das:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>auf <strong>Flugzeugtr\u00e4gern<\/strong> landen kann<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Atomwaffen<\/strong> tragen kann<\/li>\n\n\n\n<li>st\u00e4rker an franz\u00f6sischen globalen Einsatzprofilen ausgerichtet ist<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland brauchte dagegen vor allem ein schnelles, modernes Jagdflugzeug f\u00fcr die eigenen operationellen Bed\u00fcrfnisse der Luftwaffe. Hinzu kam ein zerm\u00fcrbender F\u00fchrungsstreit zwischen <strong>Dassault<\/strong> und <strong>Airbus<\/strong>. Am Ende zerbrach das Projekt also nicht nur an Technik, sondern auch an Machtfragen, Eitelkeiten und nationalen Interessen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Europas Anspruch auf Eigenst\u00e4ndigkeit bekommt einen harten D\u00e4mpfer<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die politische Reaktion auf das FCAS-Aus fiel entsprechend scharf aus. Pistorius selbst sprach offen \u00fcber seine Entt\u00e4uschung. Noch drastischer \u00e4u\u00dferte sich Belgiens Premierminister <strong>Bart De Wever<\/strong>. Er nannte das Ende des Projekts eine <strong>\u201ekomplette Dummheit\u201c<\/strong>. Dann legte er nach: <strong>\u201eWas f\u00fcr eine Zeitverschwendung! Was f\u00fcr eine Arroganz!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Wortwahl trifft den Kern des Problems. FCAS sollte beweisen, dass Europa in einem entscheidenden Feld der Luftverteidigung selbst handlungsf\u00e4hig ist. Stattdessen steht nun der gegenteilige Eindruck im Raum. De Wever sagte, die Europ\u00e4er h\u00e4tten sich daf\u00fcr entschieden, in einem entscheidenden Teil der Luftverteidigung <strong>irrelevant<\/strong> zu werden, nicht nur heute, sondern auch in zehn Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist die eigentliche Sprengkraft dieses Scheiterns. Wenn Europa bei einem zentralen Luftkampfsystem nicht zusammenfindet, bleiben am Ende nur drei Wege:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>nationale Alleing\u00e4nge<\/li>\n\n\n\n<li>der Einstieg in fremdgef\u00fchrte Programme<\/li>\n\n\n\n<li>der R\u00fcckgriff auf amerikanische Systeme<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Jetzt beginnt der eigentliche Machtkampf um Deutschlands Luftverteidigung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bundesregierung steht nun vor einer Grundsatzentscheidung, die jede Option teuer macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein deutscher Neustart mit <strong>Team Gen 6<\/strong> w\u00fcrde bedeuten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>mehr nationale Kontrolle<\/li>\n\n\n\n<li>mehr industrielle F\u00fchrung<\/li>\n\n\n\n<li>aber auch hohe Kosten und hohes Entwicklungsrisiko<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Einstieg in <strong>GCAP<\/strong> w\u00fcrde bedeuten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>schnellerer Zugang zu einem laufenden Programm<\/li>\n\n\n\n<li>geteilte Kosten<\/li>\n\n\n\n<li>aber weniger deutsche Kontrolle<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehr <strong>F-35<\/strong> w\u00fcrden bedeuten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>rasch verf\u00fcgbare milit\u00e4rische F\u00e4higkeit<\/li>\n\n\n\n<li>modernste Technik<\/li>\n\n\n\n<li>aber noch mehr Abh\u00e4ngigkeit von den USA<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem FCAS-Debakel muss Berlin also nicht nur einen neuen Kampfjet finden. Es muss entscheiden, welchem strategischen Modell es k\u00fcnftig folgen will. Genau deshalb wird die n\u00e4chste Phase weit mehr als eine Beschaffungsfrage. Sie wird zum Richtungsstreit \u00fcber Deutschlands Rolle in Europas Luftverteidigung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Scheitern des Gro\u00dfprojekts rei\u00dft eine gef\u00e4hrliche L\u00fccke auf Mit dem Ende des deutsch-franz\u00f6sisch-spanischen Kampfjetprojekts FCAS steht die Bundesregierung vor einem sicherheitspolitischen Scherbenhaufen. Nach neun Jahren Planung, Verhandlungen und politischen Bekenntnissen ist eines der ehrgeizigsten europ\u00e4ischen R\u00fcstungsprojekte gescheitert. F\u00fcr Berlin ist das nicht nur eine peinliche Niederlage, sondern ein strategisches Problem. 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