{"id":10822,"date":"2026-05-22T09:12:54","date_gmt":"2026-05-22T13:12:54","guid":{"rendered":"https:\/\/aktiengurus.com\/?p=10822"},"modified":"2026-05-22T09:12:55","modified_gmt":"2026-05-22T13:12:55","slug":"apothekenreform-greift-tief-in-die-versorgung-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktiengurus.com\/?p=10822","title":{"rendered":"Apothekenreform greift tief in die Versorgung ein"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Reform greift tief in die Versorgung ein<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die neue <strong>Apothekenreform<\/strong> ist weit mehr als eine kleine Korrektur im Gesundheitswesen. Sie verschiebt Zust\u00e4ndigkeiten sp\u00fcrbar, weitet Befugnisse aus und macht Apotheken k\u00fcnftig zu deutlich wichtigeren Anlaufstellen f\u00fcr Patienten. K\u00fcnftig sollen sie nicht nur mehr <strong>Impfungen<\/strong>, <strong>Vorsorgeleistungen<\/strong>, <strong>Tests<\/strong> und <strong>Blutentnahmen<\/strong> anbieten d\u00fcrfen. In bestimmten F\u00e4llen sollen sie sogar <strong>verschreibungspflichtige Medikamente ohne vorherigen Arztbesuch<\/strong> abgeben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schwarz rote Koalition verkauft das als Modernisierung der Versorgung. Tats\u00e4chlich ist es ein erheblicher Eingriff in die bisherige Ordnung des Systems. Apotheken bleiben formal keine Arztpraxen, r\u00fccken aber faktisch deutlich n\u00e4her an medizinische Entscheidungen heran. Genau deshalb ist die Reform so umstritten. F\u00fcr viele Patienten wird der Zugang zu Leistungen einfacher. Gleichzeitig w\u00e4chst die Sorge, dass Grenzen verwischt werden, die bislang bewusst klar gezogen waren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Druck auf die Apotheken ist l\u00e4ngst dramatisch<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Reform kommt nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus einer strukturellen Notlage. Vor allem kleinere und l\u00e4ndliche Apotheken k\u00e4mpfen seit Jahren mit <strong>Personalmangel<\/strong> und sinkender <strong>Wirtschaftlichkeit<\/strong>. Die Zahl der Betriebe schrumpft immer weiter. Ende <strong>M\u00e4rz<\/strong> lag sie nur noch bei <strong>16.541<\/strong>. Das ist der <strong>niedrigste Stand seit 1977<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon diese Zahl zeigt, wie ernst die Lage ist. Das klassische Modell tr\u00e4gt vielerorts immer schlechter. Zwar stammen weiterhin mehr als <strong>90 Prozent<\/strong> des Umsatzes aus dem Kerngesch\u00e4ft mit Arzneimitteln mit und ohne Rezept. Doch genau dieses Modell reicht offenbar nicht mehr aus, um die Fl\u00e4che stabil zu halten. Die Reform ist deshalb auch ein Versuch, den Apotheken neue Aufgaben und damit neue wirtschaftliche Perspektiven zu geben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Medikamente ohne Rezept werden in Teilen m\u00f6glich<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der wohl heikelste Punkt ist die neue M\u00f6glichkeit, bestimmte <strong>verschreibungspflichtige Arzneimittel<\/strong> auch ohne \u00e4rztliche Verordnung abzugeben. Das ist ein echter Systembruch, auch wenn er nur unter engen Voraussetzungen vorgesehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Erlaubt werden soll dies in zwei F\u00e4llen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>bei <strong>bekannten Medikamenten<\/strong>, die Patienten bereits seit l\u00e4ngerer Zeit einnehmen<\/li>\n\n\n\n<li>bei <strong>unkomplizierten Formen bestimmter akuter Erkrankungen<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Im ersten Fall soll einmalig die <strong>kleinste Packung<\/strong> abgegeben werden d\u00fcrfen, wenn das Fortf\u00fchren der Therapie keinen Aufschub duldet. Im zweiten Fall will das Ministerium sp\u00e4ter noch genau festlegen, f\u00fcr welche Erkrankungen und unter welchen Regeln dies gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt allerdings klare Grenzen. Nicht erlaubt werden soll die Abgabe bei <strong>systemisch wirkenden Antibiotika<\/strong> und bei Mitteln mit <strong>hohem Missbrauchs oder Abh\u00e4ngigkeitspotenzial<\/strong>. Dazu z\u00e4hlen unter anderem:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>opioidhaltige Arzneimittel<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Hypnotika<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Sedativa<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Stimulanzien<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Anxiolytika<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Wichtig ist auch: Wer solche Medikamente ohne Rezept erh\u00e4lt, muss sie selbst bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bei Lieferproblemen sollen Patienten schneller versorgt werden<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Kernpunkt betrifft die Versorgung bei fehlenden Arzneien. Wenn ein verordnetes Medikament in der Apotheke nicht vorhanden ist, soll es k\u00fcnftig leichter sein, ein alternatives Pr\u00e4parat direkt mitzunehmen. Bisher musste das Ersatzmittel zus\u00e4tzlich auch beim Gro\u00dfhandel verf\u00fcgbar sein. K\u00fcnftig soll es gen\u00fcgen, wenn die Apotheke selbst ein passendes Mittel vorr\u00e4tig hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt technisch, ist aber praktisch hochrelevant. Patienten k\u00f6nnten dadurch schneller versorgt werden, statt erneut warten oder nachbestellen zu m\u00fcssen. F\u00fcr Apotheken bedeutet es weniger b\u00fcrokratischen Aufwand und mehr Flexibilit\u00e4t. Diese Regelung ist zun\u00e4chst allerdings nur <strong>befristet<\/strong> vorgesehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Apotheke wird zur Impfstation mit deutlich breiterem Angebot<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Auch bei Impfungen greift die Reform tief ein. Bislang durften Apotheken vor allem gegen <strong>Grippe<\/strong> und <strong>Corona<\/strong> impfen. K\u00fcnftig sollen alle Schutzimpfungen mit sogenannten <strong>Totimpfstoffen<\/strong> dort m\u00f6glich sein. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel Impfungen gegen <strong>Tetanus<\/strong> oder gegen <strong>FSME<\/strong>, also durch Zecken \u00fcbertragene Virusinfektionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit werden Apotheken noch st\u00e4rker in die unmittelbare Gesundheitsversorgung eingebunden. F\u00fcr Patienten bedeutet das k\u00fcrzere Wege und mehr Auswahl. F\u00fcr das System bedeutet es eine weitere Verlagerung von Leistungen aus Arztpraxen heraus. Gerade im l\u00e4ndlichen Raum d\u00fcrfte das sp\u00fcrbar werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Neue Tests und Blutentnahmen bringen zus\u00e4tzliche Eingriffe<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Reform sieht au\u00dferdem vor, dass Apotheken k\u00fcnftig <strong>Schnelltests<\/strong> auf bestimmte Erreger anbieten d\u00fcrfen, die Patienten selbst bezahlen. Genannt werden unter anderem:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Adenoviren<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Influenza<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Noroviren<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>RS Viren<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Rotaviren<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das soll helfen, Infektionen fr\u00fcher zu erkennen und Infektionsketten schneller zu unterbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich sollen Apotheken k\u00fcnftig auch <strong>Standard Blutentnahmen aus der Vene<\/strong> durchf\u00fchren d\u00fcrfen, etwa zur Kontrolle von Medikamentenwirkungen. Das gilt nur f\u00fcr <strong>Erwachsene ab 18 Jahren<\/strong>. Voraussetzung ist eine <strong>vorherige \u00e4rztliche Schulung<\/strong>. Auch hier lautet die politische Begr\u00fcndung, Arztpraxen zu entlasten. Kritiker sehen darin allerdings einen weiteren Schritt in Richtung Aufgabenverlagerung ohne klare Systemgrenzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vorsorge und Fr\u00fcherkennung werden ausgeweitet<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>K\u00fcnftig sollen Apotheken auch neue Leistungen zur <strong>Vorbeugung<\/strong> und <strong>Fr\u00fcherkennung<\/strong> anbieten k\u00f6nnen. Genannt werden insbesondere Angebote rund um:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Herz Kreislauf Erkrankungen<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Diabetes<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Rauchen<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Damit w\u00e4chst die Rolle der Apotheke weiter. Sie wird nicht mehr nur Ort f\u00fcr Medikamente und Beratung sein, sondern zunehmend eine niedrigschwellige Gesundheitsstation. Genau das macht die Reform f\u00fcr die einen attraktiv und f\u00fcr die anderen bedenklich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Auch intern wird das System gelockert<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nicht nur f\u00fcr Patienten, auch f\u00fcr die Betriebe selbst bringt das Gesetz gro\u00dfe \u00c4nderungen. Erfahrene <strong>pharmazeutisch technische Assistentinnen und Assistenten<\/strong>, also <strong>PTA<\/strong>, sollen Apotheken k\u00fcnftig vor\u00fcbergehend leiten d\u00fcrfen. Diese Vertretung soll mit beh\u00f6rdlicher Genehmigung f\u00fcr maximal <strong>20 Tage<\/strong> m\u00f6glich sein, davon h\u00f6chstens <strong>10 Tage am St\u00fcck<\/strong>. Gerade auf dem Land soll so der Betrieb eher aufrechterhalten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem sollen die <strong>\u00d6ffnungszeiten<\/strong> st\u00e4rker in die Eigenverantwortung der Apotheken gelegt werden. Bislang ergeben sich aus der Pflicht zur st\u00e4ndigen Dienstbereitschaft relativ feste Zeiten, zum Beispiel werktags von <strong>8.00 bis 18.30 Uhr<\/strong>. K\u00fcnftig sollen die Betriebe flexibler an den tats\u00e4chlichen Bedarf angepasst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00c4rzte und Kassen laufen Sturm<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Reform st\u00f6\u00dft auf erhebliche Kritik. Die <strong>Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverb\u00e4nde<\/strong> begr\u00fc\u00dft zwar, dass Apotheken mehr Leistungen \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Gleichzeitig warnt sie, dass dies nur mit wirtschaftlich gesunden Betrieben funktionieren k\u00f6nne. Die Branche dr\u00e4ngt deshalb auf eine l\u00e4ngst diskutierte <strong>Honorarerh\u00f6hung<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich sch\u00e4rfer reagieren die \u00c4rzte. Die <strong>Kassen\u00e4rztliche Bundesvereinigung<\/strong> warnt: <strong>\u201eDiagnostik, Indikationsstellung und Therapie sind keine Bausteine, die nach Belieben in andere H\u00e4nde gegeben werden d\u00fcrfen.\u201c<\/strong> Noch deutlicher wird sie mit dem Satz: <strong>\u201eMedikamente sind keine Bonbons.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Krankenkassen sind unzufrieden. Besonders bei der neuen Regelung zu <strong>Biosimilars<\/strong> w\u00e4chst der Widerstand. F\u00fcr biotechnologisch hergestellte Pr\u00e4parate mit ausgelaufenem Patentschutz sollen bis <strong>Mitte 2028<\/strong> keine exklusiven preisd\u00e4mpfenden Rabattvertr\u00e4ge mehr zul\u00e4ssig sein. Die Kassen sprechen hier von einem weiteren Geschenk an die Pharmaindustrie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>F\u00fcr Patienten wird vieles leichter und zugleich heikler<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Reform bringt zweifellos Erleichterungen. Patienten k\u00f6nnen k\u00fcnftig schneller an Leistungen kommen, Wege sparen und manche Versorgung direkter erhalten. Aber genau darin liegt auch der Sprengstoff. Denn das System wird bequemer, aber auch un\u00fcbersichtlicher. Apotheken bekommen mehr Verantwortung, mehr Befugnisse und mehr Einfluss auf die unmittelbare Versorgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ver\u00e4ndert sich das Gesundheitswesen nicht schrittweise, sondern an mehreren Stellen gleichzeitig. Die Apotheke wird sp\u00fcrbar aufgewertet, die Arztpraxis wird partiell entlastet, aber auch teilweise umgangen. F\u00fcr viele Patienten mag das praktisch sein. F\u00fcr das bisherige Gleichgewicht im System ist es ein tiefer Einschnitt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Reform greift tief in die Versorgung ein Die neue Apothekenreform ist weit mehr als eine kleine Korrektur im Gesundheitswesen. 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