{"id":10069,"date":"2026-01-21T21:22:16","date_gmt":"2026-01-22T02:22:16","guid":{"rendered":"https:\/\/aktiengurus.com\/?p=10069"},"modified":"2026-01-21T21:22:17","modified_gmt":"2026-01-22T02:22:17","slug":"aus-bei-melitta-papierwerk-nach-226-jahren-geschlossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktiengurus.com\/?p=10069","title":{"rendered":"Aus bei Melitta: Papierwerk nach 226 Jahren geschlossen"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein historischer Industriestandort verschwindet<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Mit der Schlie\u00dfung der Papierfabrik im mecklenburgischen <strong>Neu Kali\u00df<\/strong> endet eine au\u00dfergew\u00f6hnlich lange industrielle Erfolgsgeschichte. Der Standort, dessen Urspr\u00fcnge bis ins Jahr <strong>1799<\/strong> zur\u00fcckreichen, wird zum <strong>31. M\u00e4rz<\/strong> endg\u00fcltig stillgelegt. \u00dcber <strong>zwei Jahrhunderte<\/strong> hinweg wurde dort Papier hergestellt, ab <strong>1871<\/strong> sogar maschinell. Selbst Kriege, Enteignungen und politische Umbr\u00fcche konnten den Betrieb nicht dauerhaft stoppen. Nun f\u00e4llt erstmals endg\u00fcltig das Aus f\u00fcr einen Standort, der Generationen von Arbeitnehmern gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>115 Besch\u00e4ftigte verlieren ihren Arbeitsplatz<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Von der Entscheidung der <strong>Melitta-Gruppe<\/strong> sind <strong>115 Besch\u00e4ftigte<\/strong> unmittelbar betroffen. Das Unternehmen betont, dass keine Insolvenz vorliege und die Schlie\u00dfung Teil einer unternehmerischen Neuausrichtung sei. F\u00fcr die Region bleibt der Einschnitt dennoch erheblich. Neu Kali\u00df war wirtschaftlich und sozial eng mit dem Werk verbunden, das \u00fcber Jahrzehnte hinweg ein stabiler Arbeitgeber war.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Spezialpapiere f\u00fcr internationale M\u00e4rkte<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>In der Fabrik wurden \u00fcberwiegend <strong>hochwertige Spezialpapiere<\/strong> gefertigt. Dazu z\u00e4hlten <strong>Kaffeefilterpapiere<\/strong>, <strong>Tapetenvliese<\/strong>, <strong>Bier- und Tassendeckchen<\/strong>, <strong>Krepppapiere<\/strong> f\u00fcr medizinische Anwendungen und Gro\u00dfb\u00e4ckereien sowie sogenannte <strong>Verdunsterpapiere<\/strong>. Die Produkte waren fester Bestandteil internationaler Lieferketten und wurden an Kunden im In- und Ausland ausgeliefert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Weltmarktf\u00fchrer mit globalem Netzwerk<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Schlie\u00dfung eines einzelnen Werks \u00e4ndert nichts an der globalen St\u00e4rke des Konzerns. Die <strong>Melitta-Gruppe<\/strong> mit Sitz in <strong>Minden<\/strong> in <strong>Nordrhein-Westfalen<\/strong> betreibt weltweit <strong>59 Standorte<\/strong> auf <strong>f\u00fcnf Kontinenten<\/strong>. Das Unternehmen gilt als <strong>Weltmarktf\u00fchrer im Bereich Kaffeefilter<\/strong>, seine Produkte sind in <strong>86 L\u00e4ndern<\/strong> erh\u00e4ltlich. Trotz stabiler Ertragslage zeigt die Entscheidung jedoch, wie schwierig industrielle Produktion am Standort Deutschland geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Rohstoffpreise als zentrales Kostenproblem<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein wesentlicher Belastungsfaktor waren die stark gestiegenen Preise f\u00fcr <strong>Zellstoff<\/strong> und <strong>Altpapier<\/strong>. Nach Angaben des <strong>Statistischen Bundesamts<\/strong> verteuerte sich Zellstoff zwischen <strong>Januar und September 2021<\/strong> um rund <strong>45 Prozent<\/strong> gegen\u00fcber dem Vorjahr. Noch gravierender fiel der Anstieg bei Altpapier aus. Die Gro\u00dfhandelspreise lagen zeitweise <strong>\u00fcber 220 Prozent<\/strong> h\u00f6her als im Vorjahr. Auch wenn es zwischenzeitlich zu Schwankungen kam, blieb das Kostenniveau dauerhaft erh\u00f6ht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Energiepreise versch\u00e4rfen den Wettbewerbsdruck<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich trafen steigende <strong>Energiepreise<\/strong> die Papierindustrie besonders hart. Papierherstellung z\u00e4hlt zu den energieintensivsten Produktionsprozessen \u00fcberhaupt. Strom und Gas machten zuletzt einen immer gr\u00f6\u00dferen Anteil der Gesamtkosten aus. \u00c4ltere Werke wie Neu Kali\u00df lassen sich zudem nur eingeschr\u00e4nkt modernisieren, was ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit weiter schw\u00e4chte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>EU Regulierungen erh\u00f6hen den administrativen Aufwand<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Belastungsfaktor sind neue europ\u00e4ische Vorgaben. Die sogenannte <strong>EU Entwaldungsverordnung EUDR<\/strong> verpflichtet Papierhersteller seit <strong>2025<\/strong>, l\u00fcckenlose Nachweise \u00fcber die Herkunft des verwendeten Holzes zu erbringen. Ab <strong>Juni 2026<\/strong> gelten diese Pflichten auch f\u00fcr kleine und mittlere Unternehmen. Gefordert werden unter anderem <strong>exakte Geodaten<\/strong>, Angaben zu <strong>Erntezeitpunkten<\/strong> und umfassende Dokumentationen entlang der gesamten Lieferkette. Der b\u00fcrokratische Aufwand ist hoch und verursacht erhebliche Zusatzkosten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommen weitere EU Regelwerke wie die <strong>Lieferkettenrichtlinie CSDDD<\/strong> und die <strong>Verpackungsverordnung PPWR<\/strong>, die die Anforderungen an Unternehmen weiter versch\u00e4rfen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Digitalisierung senkt langfristig die Nachfrage<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Parallel zu den Kostensteigerungen leidet die Branche unter einem strukturellen <strong>Nachfrager\u00fcckgang<\/strong>. Die fortschreitende <strong>Digitalisierung<\/strong> hat den Bedarf an klassischen Papierprodukten \u00fcber Jahre hinweg reduziert. Dieser Trend schw\u00e4cht die Ertragsbasis zus\u00e4tzlich und erschwert Investitionen in bestehende Produktionsstandorte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Teil einer branchenweiten Entwicklung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Schlie\u00dfung in Neu Kali\u00df ist kein Einzelfall. Bereits im <strong>Dezember<\/strong> musste die traditionsreiche <strong>Papierfabrik Feldm\u00fchle<\/strong> aus <strong>Uetersen<\/strong>, gegr\u00fcndet <strong>1904<\/strong>, Insolvenz anmelden. Immer mehr Hersteller geraten unter Druck, da hohe Kosten, sinkende Nachfrage und wachsende Regulierung zusammenkommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Signalwirkung f\u00fcr den Industriestandort<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dass selbst ein wirtschaftlich gesunder Weltmarktf\u00fchrer wie <strong>Melitta<\/strong> einen traditionsreichen Standort aufgibt, wird von vielen Beobachtern als Warnsignal gewertet. Die Kombination aus <strong>hohen Energiepreisen<\/strong>, <strong>steigender B\u00fcrokratie<\/strong> und <strong>strukturellem Wandel<\/strong> stellt den Industriestandort Deutschland zunehmend infrage. F\u00fcr Neu Kali\u00df endet damit nicht nur ein Kapitel Unternehmensgeschichte, sondern auch ein St\u00fcck deutscher Industriekultur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein historischer Industriestandort verschwindet Mit der Schlie\u00dfung der Papierfabrik im mecklenburgischen Neu Kali\u00df endet eine au\u00dfergew\u00f6hnlich lange industrielle Erfolgsgeschichte. Der Standort, dessen Urspr\u00fcnge bis ins Jahr 1799 zur\u00fcckreichen, wird zum 31. M\u00e4rz endg\u00fcltig stillgelegt. \u00dcber zwei Jahrhunderte hinweg wurde dort Papier hergestellt, ab 1871 sogar maschinell. 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